Städte und Landschaften in Deutschland

Hamburg

Seite 7

Freie- und Hansestadt Hamburg

Mai 2018

St. Georg

Anatomie einer Straße: Lange Reihe

Wenn es kalt ist in Hamburg…

Immer wieder Hamburg! Aber nie Reeperbahn und nie so ein Musical (Gab es nach „My Fair Lady“ denn noch mal ein gutes?). Auch nicht die überall sich gleichende Geschäfte in der Mönckebergstraße und die teuern am Jungfernstieg. Die St. Pauli Landungsbrücken und der Hafen sind natürlich ein muss. So richtig rund lauft es dagegen in St. Georg.

 

Nicht das schmuddlige Viertel am Hauptbahnhof und nicht unbedingt der vor Türken, Persern und Afghanen nur so wimmelnde Steindamm, sondern der Mikrokosmos auf der

 

Langen Reihe, St. Georg.

Die Bebauung ist ziemlich rudimentär, erinnert noch an den Krieg. Hier am Anfang der Langen Reihe nahe der Kirche St. Georg. Aber es gibt kleine Geschäfte, Restaurants, Backstuben, Bars, Krimskramläden - richtig urban und lebendig ist die Straße.

Zufall

Wie es der Zufall so will, kam das Gespräch an der kleinen Bar im kleinen Hotel am Pazifikstrand in Jáco, Costa Rica, auf die Lange Reihe. Der Kapitän a. D., der jahrelang die Bananen, die sein Bruder im Land anbaute, von Port Limón nach Europa gefahren hat, erzählte von einem Juden, der vor Jahrzehnten sehr viele Häuser in dieser schmalen Straße wohl recht preiswert aufgekauft hat. Dann hat er gewartet. Beide Brüder waren a) erstaunt, dass man das Land schon seit den 70er Jahren und b) jeden Laden auf der Langen Reiher kannte.

 

Jetzt boomt die ganze Gegend ungeheuer. Man merkt es auch als Fremder, dass alle paar Monate alteingesessene Geschäfte schließen und die neuen auch schnell wieder weg sind. Und das nicht nur die Ladenbetreiber unisono über exorbitant steigende Mieten klagen.

St. Georg

St. Georg gehört zum Stadtteil Hamburg-Mitte und ist man gerade 1,8 km² groß. Knapp 12.000 Einwohner kämpfen hier mit den steigenden Mieten. Die liegen schon bei 12 €/m². Der Ausländeranteil liegt bei 23 %, dem Augenschein nach aber viele Westeuropäer und kaum Muslime, zumindestens in der Langen Reihe.

 

Wie sehr das Viertel zusammenhält zeigt der vehement Kampf gegen die versuchte Vertreibung des einzigen Buchladens - und er wurde gewonnen. Es fand sich ein neuer Laden am Markt. Das sagt einiges über die Bewohner, die Mieten und über den Kiez aus.

Den Namen hat das Viertel durch das Krankenhaus. Es wurde 1200 gegründet und war erst ein Lepra- dann ein Pesthospital benannt nach dem Heiligen Georg. Von 1606 bis 1951 fungierte es als Armenstift.

 

Im Krieg wurde St. Georg fast ganz zerstört. Der Abriß drohte. Es gab Probleme mit Drogenhandel und Prostitution. Erst ab 1998 stieg die Wohnqualität wieder. Mit der einsetzenden Gentrifizierung wurde der Drogenhandel vom Hansaplatz in andere Stadtteile vertrieben. Nur die ärmsten der Prostituierten am Platz und um den Bahnhof herum sind geblieben. Die Lange Reihe ist frei von ihnen, Sperrgebiet eben. Man wird auch nicht wegen Schnee angesprochen.

Geschäfte, Restaurants, Bars, Kneipen

Kirchenallee, östlich des Hauptbahnhofes, die Grenze von St.Georg

Während am Steindamm nah des Hauptbahnhofs arabisch stämmige Bewohner ihre Geschäfte haben, es viele Türken, Iraner und Afghanen gibt, ist in der Langen Reihe eher eine portugiesische Community zuhause.

 

„Vasco da Gama“, ein gutes Restaurant für Sardinas  asadas gibt es schon lange. Genau wie das kleine „Casa Portugal“, wo Dalia an

schmalen Holztischen Vino Verde zu Schinken und Käse aus ihrem Land reicht, gab es viele Portugiesen. Einst kamen sie als Gastarbeiter und fanden in St. Georg bezahlbaren Wohnraum. Jetzt sind sie in Rente, die Partner weggestorben und nun gehen sie zurück in die Wärme, wie einer sagte. Hier tranken sie ihren Caffee, ein Bier oder Wein, knobelten mal, vertrieben sich die Zeit.

Blaue Linien

Vor ein paar Jahren waren plötzlich vor den Geschäften, die Stühle und Tische rausstellen wollten, auf den Bürgersteigen der Langen Reihe akkurat und sauber blaue Linien aufgemalt. Bis hier hin und nicht weiter!

 

Das ging auch an ganz schmalen Stellen der eh nicht breiten Bürgersteige. Die nicht gerade wenigen Fußgänger laufen eben hintereinander.

 

Welch ein Unterschied zu den Krümelkackern in den Behörden der Berliner Bezirke. Wenn da Anwohner Baumscheiben mit Blumen bepflanzen, deuten die Idioten das schon als Gefahr für die Öffentlichkeit in der dreckigen Stadt. Natürlich wird das in jedem der 12. Bezirke auch noch anders ausgelegt.

1000 Töpfe

Gab es mal: Gebrauchtwaren, 1000 Töpfe

Da drüben, schräg gegenüber von Frau Möller, mit der gelben Leuchtreklame, gab es 2008 noch auf beiden Seiten der Langen Reihe zwei Geschäfte. Sie nannten sich 1000 Töpfe. Das es die beiden großen Läden nicht mehr gibt, hat mit den Veränderungen im Kiez zu tun.

 

Das waren nämlich große Gebrauchtwarenläden. Da gab es vom abgeschabten Koffer tatsächlich gebrauchte Töpfe, Geschirr, Bestecke usw. - einfach alles, was eine Klientel benötigt, die nicht gar so viel Geld hat. Die Gastarbeiter der ersten und zweiten Generation, die hier mal heruntergekommenen  waren und preiswerten Wohnraum fanden, gibt es nicht mehr. Bezahlbare Mieten jetzt auch nicht mehr.

Mord

Auch Alfredo ist Portugiese, betrieb ein Italienisches Restaurant. Auch zu seinem Geschäft musste man 3 Stufen nach unten steigen wie bei vielen Läden hier. So um 2015 herum bekam er Besuch. Ein Türke. Chinchin hieß er im Kiez. Er war klein, dick und lief auch im Winter in kurzen Hosen und Badelatschen herum.

 

Sein letzten Besuch statte er dem Casa Alfredo am 30. September ab, um 23:00 Uhr. Er legte einen Revolver auf den Tisch und forderte 1000 €. 25.000 € hatte er schon erpresst und Alfredo könnte ja seine Töchter, sie seien ja nun alt genug, nebenan auf den Straßenstrich schicken, wenn das Geld nicht reicht.

 

Es kam zum Kampf und der Fette hatte eine Kugel im Kopf. Alfredo war eh am renoviere und betonierte die Leiche mit dem Gesicht nach unten im Nebenraum einfach ein. Aber die Leichenspürhunde der Polizei fanden sie.

Ein Jahr später sprach das Hamburger Landgericht Alfredo frei. Notwehr. Andere Gastronomen hatte die fiese Art der Mafia bestätigt. Der Clan des Erpressers konnte es nicht fassen und schlug den Gastwirt direkt vor dem Gericht erst mal zusammen.

Auf der Langen Reihe tauchten im Laufe der Zeit immer mehr gut gekleidete Herren mit dezenten Brillis im linken Ohr auf, begleitet von jungen Boys, die selbst im Winter kurzärmlige Buddy-Shirts tragen. Sie haben hier ihre Bars und Geschäfte, die an der richtigen Stelle ausgestopfte Unterhosen im Schaufenster haben. Es riecht an einigen Bars und Geschäften förmlich nach Geld.

Aufmerksam auf das Hutgeschäft wurde man durch den schlanken Mann mit dem lila Zylinder, als er kurz über die Straße kam und im Casa Portugal etwas kaufte.

 

Schön, das es solche Läden noch gibt. Der Gewürzhändler gerade rüber von Frau Möller musste leider vor langer Zeit schon schließen. Diese Läden machen den Charme der Langen Reihe aus.

 

Ein Glück: Für die üblichen großen Ketten sind die Läden viel zu klein.

Selbstmord

Schräg gegenüber von Frau Möller wohnte ein ehemals viel beschäftigter Fotograf im Dachgeschoss eines vierstöckigen Hauses. Seine Aufnahmen erschienen in den großen Illustrierten.

 

Aber dann Anfang der nuller Jahre mit dem Aufkommen der Digitalfotografie bekam er keine Aüfträge mehr. Er zündete sein analoges Archiv dort oben an und sprang auf die Straße.

Frei Sein

Pflastermalerei

Da läuft seit Jahren eine Frau durch das Viertel - und beschreibt die quadratischen - und nur die - Gehwegplatten. In der Hand hat sie einen Buddeleimer, dadrinnen sind bunte Kreidestifte.

 

Sie schreibt immer nur in zwei Reihen je 4 Buchstaben. Jeder Buchstabe hat seine Farbe. Nur auf diesen Platten schreibt sie seit Jahren immer das gleich: FREI SEIN.

 

Spricht man sie höflich an, um dahinter zu kommen, was sie damit meint oder bezweckt, bekommt man keine Antwort. Sie richtet sich auf, geht ein paar Schritte weiter, beugt sich herunter und schreibt:

 

FREI SEIN.

 

Nach Regen hat sie besonders viel zu tun.

Highlight in der Langen Reihe
Frau Möller

Urige Kiezkneipe

Bei Frau Möller treffen sich alle Leute aus dem Kiez. Viele junge Leute, Touristen, die die urige, gut gehende Kneipe durch Zufall finden. Es gehört schon Glück dazu, einen Platz zu ergattern.

 

Das Essen ist preiswert, eher Fastfood in großen Portionen. Die Soßen stehen auf dem Tisch, Kerzen brennt immer. Die Bedienung ist jung, meistens weiblich, wechselt oft und kommt schon mal aus dem Iran. Und die war verblüfft, als sie mal in ihrer Sprache angesprochen wurde. Die Bestellung wird an den Tresen und in die Küche gefunkt, die Rechnung stimmt immer. Der Chef aus Fernost hat den Laden im Griff.

 

Früher war das hier ein Teppichgeschäft und die hatten einen Hund und der hieß „Frau Möller“.

Hotels

Nordsee macht Süchtig

Lange gab es unzählige kleine und preiswerte Hotels in den Nebenstraßen neben den großen in St. Georg. Oft wurden sie von den vielen Afghanen, die in Hamburg leben, geführt, oder auch von Iranern. Die Schuppen gibt es immer noch.

 

Dann tauchte die Novum-Gruppe auf und übernahm ausnahmslos alle. Egal, ob genau neben dem Straßenstrich am Steindamm oder am Hauptbahnhof: für alle darf man jetzt richtig viel Geld hinlegen. Pure Abzocke in St. Georg.

St. Pauli

Chapeau St. Georg