Bangladesh

Ein unwahrscheinliches Land
Bangladesh
Seite        von 13

7

Mit dem Raddampfer von Khulna nach Dhaka

Organisation
Alles im Lande mutet erst einmal chaotisch an. Wenn man es nur richtig anstellt, sich der richtigen Leute bedient, an der richtigen Stelle ein kleines Bakshish gibt, lässt sich alles organisieren. Nach drei harten Wochen im Westen des Landes sollte die Rückfahrt nach Dhaka etwas Besonderes sein. An den Wochenenden war gearbeitet worden und es war egal, wie lange die Reise auf dem alten Raddampfer dauern würde.

Der Hinweg war mit dem Flugzeug aus Zeitgründen erfolgt, der Wagen mit Kashim vorausgeschickt. Kashim holte uns vom Flughafen ab, besorgte die Schiffstickets, brachte uns jetzt zum Boot. Dann hatte er schwer zu tun. 36 Stunden später sollte er uns in Dhaka im Hafen wieder abholen.

Die Bangladesh Inland Water Transport Coorperation befuhr die Strecke mit ihrem Dhaka-Khulna Rocket Service 2 oder 3 mal die Woche mit uralten Paddle Steamboats und hat zwei der Raddampfer im Einsatz. Eines davon sollte uns die 354 Flusskilometer mitnehmen. Heute, 2008, fährt sie immer noch 6 mal die Woche, leider nur noch
nachts. Wollen Sie buchen? Nehmen Sie die 1. Klasse. Da sind die Cucarachas größer!
http://www.mos.gov.bd/biwtc.htm

Vorher musste Kashim aber noch die Eisbox mit dem braunen Stangeneis füllen. Das Wasser kam wohl direkt aus dem Ganges. Die eiserne Reserve von 2 Kisten Forsters sollte schließlich mit Anstand getrunken werden...
Abfahrt
Abfahrt im Morgengrauen. Khulna-Dhaka in 36 Stunden auf
dem Raddampfer. Auf dem Fluss treibt die Pest der Tropen,
Inseln aus Wasserhyazinthen, losgerissen von der Flut oder
von irgendwelchen Schiffsschrauben.

Leider konnte kein Bild von dem Dampfer gemacht werden.
Beim an Bord gehen war es noch dunkel und wenn man sich
die Anlegestelle in Khulna ansieht, war es auch nicht so
unbedingt ratsam, das Schiff für ein Foto zu verlassen.
Die Karte zeigt zumindest die vielen Flüsse und ihre
unterschiedlichen Namen in Bangladesh. Eigenartig, dass im
Netz der Netze eher der letzte Hollywoodschinken als eine
lesbare Landkarte zu finden ist.

Die hier ist auf dem uralten Dampfer analog abfotografiert
und das Glas davor spiegelt leider den Blitz. Die roten
Punkte stellen die Zu- und Ausstiegsmöglichkeiten dar.
 Die Eisenbahnbrücke nordwestlich von Khulna über den
Ganges (Hardings Bridge) ist zu erkennen und nördlich
davon der Eisenbahnknoten Paxy. Es ist die einzige große
Brücke im Land.
So musste noch lange auf die
Abfahrt gewartet werden und so manches Schiff zog vorbei.
Fährt man im größten Delta der
Erde umher, weiß man nie wann es los geht, wann man ankommt. Frühes Erscheinen ist ratsam, denn in Bangladesh gibt es außer vielen Menschen auch Naturgewalten.
Es blieb Zeit, die Hafenanlagen von Khulna zu bewundern.
Kurzstreckenverkehr
Oh ha!

Anleger

Irgendwann legte das Schiff doch
ab. Die Sonne kam nicht so richtig
raus an diesem Morgen - um 10:00
Uhr war es plötzlich wieder dunkel.

Der erste Stopp stand an, der
Himmel so schwarz wie nirgends
auf der Welt jemals gesehen.

Was langweilig auf dem Oberdeck
der 1. Klasse begann, wurde
spannend und aufregend. Waren
das da am Ufer wirklich alles
potenzielle Fahrgäste? Konnte sich
da jemand die teure 1. Klasse
leisten und die himmlische Ruhe
hier stören?

Was die Reise kostete, ist
vergessen. Samt Vollverpflegung
und Zweierkabine auf dem
hermetisch abgeriegelten oberen
Vorderdeck - nicht der Rede wert.
Allerdings nur für Europäer.

Vier Kabinen gab es. Backbord und
Steuerbord je 2 mit 2 und 2 mit 4
Betten. Das Essen war gut. Mal gab
es Reis mit Huhn, mal Huhn mit
Reis.

Jetzt wurde es aber erst einmal
spannend. Die letzten Passagiere
hangelten sich eilig über die
Bambusbrücke auf den Ponton. Das
Unwetter drohte, das Schiff fährt
gnadenlos weiter.

Der Bau einer festen Brücke lohnt
nicht. Man sehe sich den Himmel an und kann einigermaßen die Gewalt der Unwetter abschätzen. Die Flüsse sind natürlich
tiedenabhängig und reißen schon
mal schnell alles weg.

Nicht alle fuhren mit, aber das
Unterdeck, zu dem es keine
Verbindung gab, war voll. Beugte
man sich über die Reling in der 1.
Klasse, konnte man kurz
hineinschauen, aber nur kurz: Es
streckten sich sofort bettelnde
Hände entgegen.

Wetter

Der Kapitän meinte zum Wetter:
"Don't worry, thats nothing".
So war es auch. Man erlebt auch
gar nix...

Es zuckten zwar ziemlich nahe
Blitze über den Himmel, oft viele auf einmal.

Eine Stunde später aber schien
wieder die Sonne.

Was von allen Auslandsaufenthalten für immer in Erinnerung bleibt sind die außergewöhnlichen Wetterphänomene. 

Das Gewitter am Ostpazifik und die riesigen Wellen bei Vollmond und Sturm dort, die Hitze am Chat-el-Arab, oder die 48°C in New Delhi, das Wüstenklima und die 50° minus in Afghanistan, der Hurican in Nicaragua, ein kleiner Cyclon hier - das vergißt man nie.

Der Fluss, aber - verdammt - welcher?

Passagiere
Hier eines der Rockets. Der weiß gestrichene kleine Teil auf dem vorderen Oberdeck ist die 1. Klasse. Steuerbord und Backbord je eine kleine Kabine mit 2 Liegen, eine Toilette, ein Speiseraum in der Mitte
und das Deck waren alles.
Der alte Steamer von ungefähr
1880, gebaut in Japan, stampfte mit akzeptablem Tempo über die breiten Flussläufe des Deltas. Die Planken waren ja schon ein bisschen wurmstichig und die 1.-Klasse- Kabine stank erbärmlich trotz immer offener Tür. Die Laken waren frisch gewaschen. Sie hatten aber alle Farben zwischen weiß und dunkelbraun. Hoffentlich reicht das Bier und der Whisky bis tief in die Nacht...

Der Luxus einer Toilette für alle in der Luxusklasse - man brauchte nur einen Stein vor die Tür rollen und schon war sie zu - ist in Südostasien nicht zu unterschätzen.

Irgendwo stieg eine reichere Familie mit drei Töchtern hier oben dazu. Der Vater war erst sehr skeptisch, dass zwei Ausländer mit seinen jungen Mädchen sprachen. Sie
konnten erstaunlich gutes
Takkaenglisch und es wurde
unbeschwert gelacht.

Als sie mitten in der Nacht in
vollkommener Dunkelheit Mitten im Fluss auf ein Ruderboot umstiegen, waren alle traurig.
 Verblüffend die Leistung der
Besatzung. Woher wussten sie, wo sie waren?

Noch ein paar Anleger

Für ein paar Paisa bot der Schuster
unaufdringlich und sympathisch
seine Dienste an Bord an. Er war
taubstumm.

Bestimmt musste er den aller
größten Teil seines Verdienstes
dafür abgeben, hier arbeiten zu
dürfen, eine Ecke zum schlafen zu
haben, etwas vom Essen
abzubekommen. Materialien musste
er auch kaufen.

Seine Kunden waren ja alle
bettelarm und mehr als einige der
viereckigen, blechernen Paisas
Je näher Dhaka kam, desto voller
wurde das Boot, je mehr Leute
standen an den Anlegern. In der 3.
waren da nicht drin. Selbst wenn er
mehrere hundert Jahre arbeiten
würde...

Die riesige Sandale gehört dem
großen Arbeitskollegen und da die
anderen Schuhe nicht vom lokalen
Markt stammten, bekam er sein
Geld so.
Klasse an Unterdeck gab es keinen Platz mehr zum hinlegen. Auch in der 1. Klasse wurde es voller. Seltsame Leute lernte man
kennen. Ein Englishman stieg zu, jung, ziemlich heruntergekommen wie es eben unweigerlich ist, wenn
man hier im Delta lebt.

Missionar sei er, wahrscheinlich ein selbst ernannter. Er gab keine
Ruhe, bis er ein kaltes Bier aus der Eiskiste bekam und meinte, es wäre wie die Kricketweltmeisterschaft für
Merry Old England und Queen Mums Geburtstag zusammen.

Sofort bot er von seinen Vorräten an. In einer Feldflasche hatte er
kochendheißen Cognac! Selbst gebrannt natürlich, nur heiß zu genießen, wobei das Wort genießen hier nur im Sinne von „we shall over
come" gemeint ist. Kalt getrunken braucht man keine Brille mehr, nicht einmal eine dunkle.

Es sah so aus, als hätte sich
Neptun im braunen Fluss kräftig geschüttelt als er den Rest aus dem Glas abbekam.
Hier vom Oberdeck aus ließen sich fantastische Fotos machen, oft nicht
leicht in Bangladesh. Religiöse Gründe und die sofort hervorschnellende Hand der Frauen zum Betteln - es musste ein
angeborener Reflex sein - und nicht zuletzt das eigene schlechte Gewissen lassen schon zögern, auf den Auslöser zu drücken.
Zeit für das Abendgebet. Mit der
Himmelsrichtung gab es keine
Probleme. Mekka liegt in Richtung des Sonnenunterganges.
Mitternacht, Vollmond. Der Fluss voller Fischer, der Dampfer bahnt sich seinen Weg. Das Bild ist unscharf. Der Diafilm mit 100ASA schaffte halt nicht mehr, aber die Stimmung nachts auf dem Fluss bei lauer Luft ist eingefangen...
Kashim hat es geschafft. Strahlend im sauberen blauen Anzug steht er am Kai in Dhaka und hat sogar einen Parkplatz bekommen. Ein selten zuverlässiger und angenehmer Mensch, so wie viele Bangladeshis, die wenigstens ein kleines Auskommen haben und nicht ganz im Elend versinken.