Es sprechen so viele Fakten dagegen, dass man richtig traurig werden kann in der Erinnerung an die Stadt am Managuasee. Die Stadt liegt ungefähr auf 12 Grad nördlicher Breite über dem Äquator. Bei einer Höhe von nur 50 m über dem "Nivel del Mar" ist eines garantiert: Ein mörderisches Klima! 40 oder 42 Grad am Tag, hohe Luftfeuchte und nachts immer noch verdammt heiß und feucht, machen das Leben dort zur Hölle.
Die es sich leisten können, ziehen immer weiter nach Süden in schöne Häuser entlang der auf 1000m ansteigenden Panamericaner, der Carretera del Sur . 10 km hinter dem Zentrum ist man schon auf 300m. Die Luft ist trockener. Es ist nur noch 32 Grad warm und ab 28 Grad friert man bereits. Gartenparties, lernt man ganz schnell, sind ab 26 Grad unmöglich. Jede weiteren 100 m Höhe lassen die Durchschnittstemperatur um 1 Grad sinken. Nachts muss man sich sogar mit einem Laken zudecken!
Oben in Las Nubes wird abends für lange in den Tropen lebende Europäer ein Kaminfeuer benötigt. Je länger ein Europäer in den Tropen wohnt, um so schlechte erträgt er die Hitze und um so mehr Geld sollte er haben. Man gewöhnt sich nie daran - ans Geld schon. Noch etwas fällt auf: Die Stadt lebt abgewandt vom Meer. Es gibt nicht einmal eine direkte Straße zur Küste.
Und doch. Wenn es auch nach 40 Jahren Diktatur und schwerem Erdbeben, nach Revolution und Kommunismus, nach korruptesten Führern und Präsidenten die man sich vorstellen kann, nicht leicht ist zu überleben, immer liegt Musik in der Luft, irgendwie geht es weiter, auf eine ansteckende, südländische Art
In der Zeit nach dem Terremoto (-großes Erdbeben; temblor - Erdstoß) war der Mercado Oriental eine richtige, farbenfrohe Augenweide. Etwas anderes gab es zu dieser Zeit ja auch nicht. Hier gab es alles, vom lebenden Tier bis zum Bauholz für Zäune, vom Fisch ohne Kühlung bis zum frisch in der Pfanne ausgelassenem Chicharon (Schweinehaut)
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Die Stadt ist nach der Art der spanischen Eroberer angelegt. Straßen kreuzen sich im rechten Winkel ohne Rücksicht auf das Gelände. Die Straßen, die in Nord-Südrichtung verlaufen, heißen Avenidas während die in Ost-Westrichtung Calles genannt werden. Die meisten Straßen haben keinen Namen und tragen Nummern oder besser einen "Nummernsalat" Vom Zentrum weg eigentlich aufsteigend, aber da, weiter unten zum See, die ungeraden Straßen und wo anders die mit der geraden Nummer - oder auch nicht.
Es gab und gibt richtig lustige Adressen:
Dort, wo früher der Baum stand (!), ein Block zum See rechter Hand, einen halben Block entlang ,wo auf der linken Seite ein blaues Tor ist! Alles klar? Da wohnte die Häusermaklerin.
Teufel nochmal: Wenn hier so langsam der Herbst mit Aussicht auf viele graue Tage heraufzieht - lebt es sich nicht doch besser dort?
Wenn sich die Stadt schon nicht zum Meer hin öffnet weil es zu weit weg ist, könnte man meinen, dieser große See müsste eine zentrale Rolle im Stadtbild gespielt haben oder spielen. Weit gefehlt. Der riesige See ist schon lange umgekippt.
In Diktaturen darf man für Geld einfach alles machen. Wenn man kein Geld ausgeben will, schickt man mal eben ein "Kanonenboot", wie es früher so veranschaulichtend hieß. Erst recht wenn man aus einem riesigen Land im Norden kommt. Dann darf man Chemifabriken, Zellstoffabriken und sonst etwas, die man im eigenen Land auf keinen Fall haben kann und will, an einem schönen See bauen und die Abwässer ungeklärt in den See leiten. Amis taten das in den 60er Jahren hier und 20 Jahre später, 1984, in Bophal, Indien, und sonst wo auf der Welt.
Die beiden Bankhochhäuser, das neue Theater am See und die meist nur einstöckigen vielen Häuser der Stadt waren zusammengefallen oder nicht mehr zu nutzen. Den trapezförmigen Versorgungstrack auf dem Dach des Interconti hatte es um einige Grad seitlich versetzt. Wie das so ist: wer keine Erdbeben- aber eine Feuerversicherung hatte, steckte in seiner Verzweiflung den Trümmerhaufen auch mal an. Aber wer hat hier schon eine Versicherung. Gebrand hat es trotzdem.
Viele Staaten können nicht einmal in unbedrängten Zeiten ihre Staatsbürger zählen, geschweige denn auf dem Höhepunkt einer Katastrophe die Zahl ihrer Toten angeben. In der internationalen Presse hieß es Weihnachten 1972: 100.000 Tote in Managua. Die Stadt hatte damals ungefähr 300.000 Einwohner. Jeder 3. war also tot? Inoffiziell sickerte später eine Zahl um 8.000 Tote durch; berichtigt wurde die hohe Zahl aber nie. Sie machte sich ja auch besser für die anlaufende internationale Hilfe.
Und der Funker war natürlich auch ein begeisterter Kurzwellenamateur. Nahe am Äquator und mit dem Rufzeichen Nr. 1 des Landes versehen, hatte er die allerbesten Bedingungen. Machten die Kurzwellenbänder nach Norden zu, baute er Verbindungen zur Südhalbkugel auf. Er sprach Französich, Spanisch, Englisch und Deutsch. So gewann er jahrelang jeden weltweiten Contest der Amateurfunker, so lange, bis die Preise gar nicht mehr ausgehändigt bekam.
Er war plötzlich der begerteste Mann im Land. Die Botschater standen schlange. Über ihn konnten die ersten Verbindungen zum Auswärtigen Amt aufgenommen und die Erdbebenhilfe organisiert werden.
Er verbrauchte für sein kleines Funkgerät, das ja nicht für den Dauerbetrieb ausgelegt war, jede Endverstärkerröhre und bestimmt jede Flasche Rum im plötzlichen 24-Stundenbetrieb.
Er bekam später das Bundesverdienstkreuz.
Die Boeing 707 mit der Flugnummer 1001 der Bundeswehr brachte die ersten Hilfgüter und ein neues Funkgrät. Über den Kontakt mit den Piloten war zu erfahren, wo die Hilfsgüter blieben: Im Almacen der Soldateska Somozas. Das Schwein hat sich selbst daran noch bereichert.
Ein Jahr später kamen neutrale Camionettas an die Häuser und wollten Ware verkaufen: große weiße Säcke mit Reis und mit „frécholes-negras“
(Schwarze Bohnen - Grundnahrungsmittel in Lateinamerika) mit dem Aufdruck
An der Carretera nach León, wo dieses Ranchito stand, war der steil abfallende Hauptkrater für die Wassergewinnung, direkt neben der Strasse. Hin und wieder vielen da ein paar ermordete rein und so bestanden die Amerikaner darauf, das Wasser stark zu cloren - man konnte es nicht mehr trinken.
Aber kein Problem. Wasser wurde in großen Flaschen - wie sie hier in jedem Büro sten - ins Haus geliefert und Eiswürfel gab es in 10 l-Plastiksäcken an jeder Tankstelle.
Die Ufer waren aber von schmerzhaft stechenden Ameisen bewohnt und man unterhielt sich bis zur Wade im Wasser stehend. Die Hunde legten ihre Steinchen also wie immer vor die Füße der Leute in der Hoffung auf einen weiten Wurf.
Aber was war das: Die Steine gingen ja unter! Sie konnten mit der Pfote ertastet werden und sie waren auch deutlich zu sehen. Also Augen zu, den Kopf unter Wasser - und in den Sand gebissen. Keine fünf Versuche und die Hunde ließen die Augen auch unterwasser auf. Irgend wann holten sie sich ein Stöckchen auch aus der Hand in 3 m Tiefe.
Fortan wurde jede Wette gewonnen: „Du, den seine Hunde können tauchen!" „Glaub ich nicht...."